Texte

Herbert Volkmann. Endstation Sehnsucht

 

Herbert Volkmann überrascht uns alle. Jetzt – nach fast zwanzigjähriger Abstinenz – wieder als Künstler. Ganz und gar widersprechen die vorgelegten Arbeiten dem noch vorherrschenden , auf Theorie und Diskurs abzielenden Zeitgeist. Sie sind nostalgisch mit einem Hauch von Dekadenz, angesiedelt auf unsicherem Terrain zwischen Neuer Sachlichkeit und verführerisch-suggestiver Ästhetik der „pictures generation“.

 

Irgendwas muss verhindert haben, dass aus Herbert Volkmann ein vernünftiger Mensch wurde. Vielleicht ist unser Freund im frühen Alter auf einer Bananenschale im elterlichen Großhandelsbetrieb für Früchte und Gemüse ausgerutscht. Es wird sich kaum klären lassen, aber das Ergebnis ist klar. Der Mann mit unverwechselbarer Berliner Schnauze und großem Berliner Herz wurde trotz aller elterlichen Vorbehalte Künstler. Sechs Jahre, von 1972 bis 1978, verbrachte er auf der Berliner Kunstakademie. Seine Idole waren Andy Warhol, Joseph Beuys und Rainer Werner Fassbinder, Künstler, die er bewunderte, weil sie selbst zu Kunstwerken wurden.

 

Das Experimentelle stand im Mittelpunkt seiner Anfang der achtziger Jahre vorgestellten Environment-Art. Künstler, Akteure und Besucher wurden einem Chaos von Gegenständen, wechselnden Geräuschen und Lichteffekten ausgesetzt. Herbert Volkmann: „Ich machte diese Sachen, bis sie an einen Punkt kamen, wo sie mir selbst unangenehm wurden. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Zu verkaufen war eine solche Kunst natürlich nicht, und auch sonst hielt sich das Interesse in Grenzen. „Es ging mir“ räumt der Künstler freimütig ein, „um spezifische Reaktionen der Besucher, aber allzu oft kam die einzige Reaktion von der Polizei.“

 

Der Vater stellte schließlich ein Ultimatum: entweder endlich erfolgreiche Kunst oder der Frucht- und Gemüsebetrieb. Es wurden die Früchte und das Gemüse. Für zehn lange Jahre. Dann hat es ihn wieder gepackt. Herbert Volkmann wurde Kunstsammler, und was für einer! Mit dem ausreichenden Kleingeld, viel Sachkenntnis und noch besserem Instinkt ausgestattet, fiel er über die Kunst der neunziger Jahre her. Er war es, der Künstler wie Matthew Barney, Sarah Lukas, Damien Hirst, Raymond Pettibon, Franz Ackermann, Daniel Richter und Jonathan Meese zur Freude bekannter Berliner Galeristen für sich und viele andere entdeckte. Lange hatte man Kunst nicht so direkt, frech, unprätentiös, jung und doch qualitätvoll erlebt. 1994 wurden in einem unscheinbaren 50er-Jahre-Haus nahe dem Fruchtmarkt einige Räume mit Kunst bestückt. Kasper König hielt die Eröffnungsrede. 1996 folgten Ausstellungen in Gera und Bremen.

 

Alles schien im Lot. Aber es kriselte am Fruchtmarkt. Herbert Volkmann musste einzelne Arbeiten, später ganze Werkgruppen verkaufen, um sich über Wasser zu halten. Am 8. Dezember 1999 kam es bei Christie`s zur Versteigerung seiner Restsammlung. Junge Kunst den Auktionshäusern zu überlassen, war ein Novum, konterkarierte die mit enormem Aufwand betriebene Aufbauarbeit der Galeristen und wurde von vielen als Verrat an der Sache bewertet. Freundschaften zerbrachen, die wirklichen blieben bestehen.

 

Heute steht Herbert Volkmann ohne Sammlung und ohne Fruchtmarkt da. Mit seinen Bildern will er kein überlegenes Weltbild vermitteln oder Botschaften überbringen. „Es langweilt mich, immer dasselbe zu sehen“, und so knüpft Herbert Volkmann an seine Kunst der frühen achtziger Jahre an. Er agiert nicht, sondern reagiert und hält sich offen für wechselnde Bilder und Eindrücke. Es geht um Momentaufnahmen und flüchtige Gesten im Zwischenbereich von Traum, Wirklichkeit und Recycling. Herbert Volkmann ordnet und vergegenständlicht diese Bilder, bevor sie verlöschen. Immer wieder übermalt er, und sicherlich könnte keine Ausstellung mit seinen Arbeiten stattfinden, wenn man ihm nicht – nach dem Motto: „Es ist Schluss, jetzt, Volki!“ - irgendwann die Werke einfach entreißen würde. Und dann wird klar, worum es Herbert Volkmann geht: Selbsterfahrung. Die Reise in das Ich verspricht Abenteuer, aber es bleibt eine Reise mit offenem Ausgang, Endstation Sehnsucht.

 

Harald Falckenberg

 

Der Text ist erschienen in:

Harald Falckenberg, „Ziviler Ungehorsam“,

Regensburg, 2002

 

 

 

Herbert Volkmann. Der Biologische Film

 

von Harald Falckenberg

 

Herbert Volkmann als Künstler zu verstehen, heißt ihn als Mensch verstehen. Es sind die Brüche, die seine Auseinandersetzung mit der Kunst geprägt und bis heute ihre Aktualität und Frische  bewahrt haben. Volkmann, ein Berliner Gewächs des Jahres 1954, hat sich dem Kunstsystem nie angepasst und als Künstler und Kunstsammler wesentliche Akzente gesetzt.

 

In der Welt der Hippies und der Popkultur aufgewachsen, heißt es radikal umdenken, als Volkmann 17jährig das Studium an der HfBK Berlin (heute UdK) aufnahm. Zeichnen und Malen nach der Natur, Akte, Museumsbilder, Portraits, Büsten, Hände und Stillleben standen auf dem Programm, später Collagen und Objekte. Volkmann absolvierte die sechsjährige Ausbildung bis hin zum Meisterschüler. In der Szene war Malerei zu dieser Zeit längst als Prototyp bürgerlicher Repräsentationskunst verpönt. Volkmann sattelte auf Environment Art um – gewagte Aktionen im öffentlichen Raum, bei denen Künstler, Akteure und Besucher Fundstücken der Umgebung, Geräuschen und Lichteffekten ausgesetzt wurden. Allein der Erfolg blieb aus. „Es ging mir“, räumt der Künstler freimütig ein, „ um spezifische Reaktionen der Besucher, aber allzu oft kam die einzige Reaktion von der Polizei.“

 

Volkmann wechselte in den väterlichen Betrieb des Fruchtgroßhandels. Für zehn lange Jahre. Dann hat es ihn wieder gepackt. Er wurde Kunstsammler, und was für einer! Mit dem ausreichenden Kleingeld, viel Sachkenntnis und noch besserem Instinkt ausgestattet, fiel er über die Kunst der 90 Jahre her. Es war die virtuell geprägte party- und drogenreiche Glamourwelt der Mode, des Films und der Fotografie, die ihn faszinierte – eine Halbwelt, die nach den neoexpressionistischen und esoterischen Versuchen einer Aussöhnung mit der Gesellschaft in den 80er Jahren den von der Counter Culture der 60er und 70er Jahre eingeleiteten Prozess der Zersetzung bürgerlicher Kultur konsequent fortsetzte. Als Freund und Bruder im Geiste begleitete und unterstützte der Galerist Bruno Brunnet den Aufbau der Sammlung, die Werke noch heute hoch dekorierter Künstler wie Matthew Barney, Sarah Lucas, Damien Hirst, Raymond Pettibon, Franz Ackermann, Daniel Richter und Jonathan Meese umfasste. Lange hatte man Kunst nicht so direkt, frech, unprätentiös, jung und doch qualitätsvoll erlebt. 1994 wurden in einem unscheinbaren 50er-Jahre-Haus nahe dem Fruchtmarkt einige Räume mit Arbeiten bestückt. Kasper König hielt die Eröffnungsrede.

 

Dem Aufstieg folgte der Fall. Geschäftliche Rückschläge zwangen Volkmann, einzelne Arbeiten, später ganze Werkgruppen zu verkaufen, um sich über Wasser zu halten. Am 8. Dezember 1999 kam es bei Christie´s zur Versteigerung seiner Restsammlung. Junge Kunst den Auktionshäusern zu überlassen, war ein Novum und wurde von vielen als Verrat an der Sache bewertet. Freundschaften zerbrachen, die wirklichen bleiben bestehen, insbesondere die zu Jonathan Meese, den er 1996 kennen gelernt hatte.

 

Und es war Meese, der Herbert Volkmann - den Mann ohne Sammlung und ohne Fruchtmarkt – davon überzeugte, wieder als Künstler tätig zu werden. Nächte verbrachten sie zusammen bei gemeinsamer Arbeit im Studio. Es war ein schwieriger Weg, immer wieder markiert von alkohol- und drogenbedingten Ausfällen bis hin zu einem lebensbedrohenden Kollaps vor drei Jahren. Volkmann bekennt sich in seinen Malereien zu diesen Exzessen, nüchtern, ohne Pathos und Selbstmitleid. Desaster und destruktive Stimmungslagen sind für ihn Ausdruck einer Spiegelwelt, die sich wechselseitig als fiktionaler und realer Abgleich menschlicher Bedürfnisse und Wunschvorstellungen entfaltet. Sehnsucht, Erotik, Sinnlichkeit und Lust turnen ihn an, aber auch Leere und die Gewissheit, dass die Emotionen längst stilisiert und zu Attitüden erstarrt sind.

 

Volkmanns elementare Bezugspunkte sind die Filmarbeiten von Rainer Werner Fassbinder, David Lynch und David Cronenberg. Es sind das Zweideutige, Flüchtige, Geheimnisvolle und die gezielt willkürliche Abfolge von Bildern, die das Werk dieser Filmkünstler um Zwischenbereich von Traum, Wirklichkeit und Recycling ausmachen. Volkmann unternimmt wie kaum ein anderer bildender Künstler den Versuch, diesen tiefenpsychologischen, durch heutige Hirnforschung bestätigten Prozess einer fortwährenden Brechung, Verschiebung und Rückversetzung von Signalen, Zeichen und Symbolen in Malerei umzusetzen. Volkmann knüpft, wie er in Interviews zum Ausdruck gebracht hat, an den von Cronenberg geprägten Begriff des biologischen Films an. Er ordnet und vergegenständlicht die Bilder, bevor sie erlöschen. Er setzt auf die Illusion des Raums, auf hell gegen dunkel, Unschärfe gegen Schärfe und unten gegen oben. Duchamp hat gesagt, dass gute Kunst immer auch aus dem Untergrund kommt.

 

Volkmann ist abgetaucht. Es ist eine seiner liebsten Beschäftigungen. Er ließ sich nicht in einen geordneten Galeriebetrieb einordnen. Jetzt stellt er bei Vittorio Manalese – der Off-Galerie Bruno Brunnets - auf einem Charlottenburger Industriegelände aus. Einmal mehr geht es um alte Freundschaften, Fiktion und die mafiöse Kraft, die aus der Unterwelt geschöpft werden soll. Eine weitere Häutung, ein Neuanfang? Wir dürfen von Herbert Volkmann noch einiges erwarten, so oder so. Die Fans halten ohnehin zu ihm.

 

Katalogbeitrag von Harald Falckenberg zur Aussstellung EXTRAKT I

Galerie Vittorio Manalese, Berlin

8. September – 30. Oktober 2010